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Sind wir von der Unabhängigkeit abhängig? Kleiner Versuch über die große Freiheit PDF Drucken E-Mail

Peter Strasser

Sind wir von der Unabhängigkeit abhängig?  Kleiner Versuch über die große Freiheit

Die Sorge, ob wir heute nicht nach Formen persönlicher Unabhängigkeit streben, durch welche die Psyche des Einzelnen beschädigt und darüber hinaus das Gewebe unseres Kollektivs zerstört wird, bedarf eines diskutierbaren Rahmens. Sonst wird aus der Sorge bloß ein Ausdruck von sozialer Übellaunigkeit, die wenig Erklärungswert hat.

 

Ist man sich der Vorzüge unserer Unabhängigkeit bewusst, dann wird man sie nicht zugunsten irgendeiner Romantik des wohlgeordneten Lebens aufgeben wollen. Stattdessen sollte man sich, angesichts der Paradoxien grenzenloser Freiheit einerseits und der Nichtverfügbarkeit einer starken Ordnungsidee andererseits, auf ein Konzept besinnen, für das – mit den üblichen Vorbehalten – die Rede von „den einfachen Dinge des Lebens“ steht.

 

Nicht, dass dadurch mit einem Schlag viel an Orientierungssinn gewonnen wäre. Denn es kann ja keinesfalls um das Einfache im ideologischen Sinne des Wortes gehen, um das Allzu-Einfache, das heißt, um eine Rückkehr zum sprichwörtlich „einfachen Leben“. Dieses erweist sich im Alltag bloß als das Leben, dem die Mittel fehlen, um der Abhängigkeit zu entkommen: der Armut und der mit ihr einhergehenden Notdurft, Schäbigkeit und Gewalt.

 

Die Rede von den einfachen Dingen des Lebens ist dennoch hilfreich. Denn sie bewahrt uns davor, die Sorge vor zu großer Unabhängigkeit zu rasch in allzu abstrakte Begriffe zu fassen, vom „Genussmenschen ohne Herz“ bis zum „Untergang des Abendlandes“. Stattdessen leitet sie uns an, unsere Situation mit Blick auf die Eckpfeiler unseres Wohlbefindens (Würde, Selbstachtung, Autonomie, Glück) anhand folgender Fragen zu prüfen:

 

Erstens, sind wir in der Lage, uns eine Gesellschaft vorzustellen, in der es leichter wäre, ein Leben in Würde und Selbstachtung zu führen? Zweitens, ist eine Gesellschaft vorstellbar, in der die Fähigkeit, über unser eigenes Leben zu bestimmen, effektiver praktizierbar wäre, um möglichst glücklich zu werden? Anders gefragt: Ist eine Gesellschaft denkbar, in der sich die Menschen wohler fühlen könnten, ohne ihr Wohlbefinden durch die Einwilligung in ein Regime der Abhängigkeit – der Fremdbestimmung, des politischen Paternalismus, zumindest einer sanften Variante des Totalitarismus – erkaufen zu müssen?

 
 
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