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Illusionen von Autonomie – Ein Einspruch vom Standpunkt der Sinnlichkeit PDF Drucken E-Mail

Käte Meyer-Drawe

 

Illusionen von Autonomie – Ein Einspruch vom Standpunkt der Sinnlichkeit
 

In seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ analysiert der Soziologe Alain Ehrenberg die Geschichte der Depression als Diagnose von Fachärzten. Er zeigt, dass die Depression im 20. und 21. Jahrhundert zu einer Krankheit der Verantwortlichkeit wird.

Das Selbst leidet, weil es unentwegt die Initiative ergreifen muss. Es wird ihm nichts mehr abgenommen. Seine Autonomie umfasst sein lebenslanges Lernen, seine informierte Zustimmung zu medizinischen Eingriffen und selbst die Gestaltung seines Lebensendes. Im Vordergrund steht allerdings nicht das persönliche Glück, sondern das reibungslose Funktionieren. Krankheiten werden deshalb auch in erster Linie als Funktionsstörungen betrachtet, die zu beseitigen sind.

Das erschöpfte Subjekt, das in der neoliberalen Gesellschaft Manager seiner selbst sein soll, braucht Stimmungsaufheller, legale und illegale Drogen; es schwankt zwischen Depression und Sucht. An die Stelle der Behandlung tritt die Reparatur der neuronalen Maschine. Das biochemisch hergestellte Wohlbefinden wird zur alltäglichen Selbstverständlichkeit. Das Selbst resigniert vor seiner Unzulänglichkeit und verzichtet auf den Versuch, seine Konflikte genauer zu untersuchen und in sein Leben zu integrieren.

Aus diesem knappen Befund folgt die dringende Aufgabe, Menschen in den Stand zu versetzen, fragen zu können, ob sie überhaupt so verstanden und regiert werden wollen, wie es jetzt zur Normalität geworden ist. Vielleicht stellt sich dabei heraus, dass ihre Erschöpfung, ihre Überforderung und ihre Leere nicht darin gründen, dass sie versagen, sondern dass man die Doppeldeutigkeit ihrer leiblichen Existenz, eben weder nur selbstbestimmte Souveräne noch lediglich ausgelieferte Untertanen zu sein, bestreitet und ihnen damit eine permanente, kräftezehrende Selbsttäuschung aufbürdet.

 
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